Sind wir eigentlich völlig bescheuert?

Noch vor gar nicht allzu langer Zeit, da war man als Langfahrtsegler echt abgeschnitten von Familie, Freunden und Bekannten. Das hat sich grundlegend geändert. Viele Häfen, auch auf abgelegenen Inseln haben WLAN. Man kann sich eine Daten-SIM-Karte seines Gastlandes besorgen und hat WhatsApp, Skype, Threema, Facebook, Instagramm, Nachrichtenportale und vieles mehr. Selbst auf hoher See oder in der Antarktis besteht immerhin noch die Möglichkeit, über Kurzwelle oder Satellit Text-Emails zu schreiben, Wetterdaten zu empfangen oder auch zu telefonieren. Wunder der Neuzeit!

Dementsprechend stehen auch wir im Kontakt mit Familie und Freunden in Deutschland sowie auch (insbesondere) Seglern rund um die Welt, sei es über andere Blogs oder auch persönlichen Austausch. Die meisten Segler sind unserer Meinung, dass wir in der aktuellen Situation im Grund privilegiert sind. Ja, Pläne ändern sich, manch ein Vorhaben kann nicht durchgeführt werden, doch es geht uns letztlich überdurchschnittlich gut.

Das persönliche Feedback, das uns erreicht, ist auch zum absolut überwiegenden Teil ausgesprochen positiv. Manch einer verwendet sogar das Wort Bewunderung, welches unserer Meinung nach jedoch etwas zu hoch gegriffen scheint. Im Endeffekt hatten wir vor knapp 12 Jahren mal eine Idee, dann lange darauf hingearbeitet und sind nun endlich in der Umsetzung. Vielleicht abseits ausgetretener Pfade und zufälliger Weise zu einer besonderen Zeit, aber auch nicht die ersten oder gar einzigen. In jedem Fall scheinen sich fast alle mit uns darüber zu freuen, dass es endlich weiter geht… vielen Dank dafür!!!

Es gibt jedoch auch einige wenige Stimmen, die scheinen uns letztlich für völlig bescheuert zu halten. Das beginnt ja schon damit, dass wir entgegen aller Vernunft und gutem Ratschlag die Rückholaktionen nach Deutschland nicht genutzt haben. Wie konnten wir nur so blöd sein?! Ja, für manche mag der Weg Heim ins Reich richtig gewesen sein und wir hoffen, dass es ihnen und natürlich auch den zurück gelassenen Schiffen gut geht (besonders liebe Grüße an J.+S. :-).

Doch jetzt könnten wir uns der neuen Realität wirklich nicht mehr verschließen. Die einzig sinnvolle Entscheidung sei es, das Boot vollzupacken und auf direktem Weg nach Deutschland zu segeln… nach Hause! Mal abgesehen davon, dass das die Tatsache ignoriert, dass wir hier und jetzt auf unserer Samai zu Hause sind, scheinen sich diese (meist nicht segelnden) Apologeten offensichtlich nicht die Mühe des von mir sehr geschätzten Perspektivenwechsels gemacht zu haben. Mal angenommen, wir würden jetzt wirklich im kräftezehrenden Hau-Ruck-Verfahren nach Deutschland segeln…

  • Es beginnt damit, dass wir dort keinen Dauerliegeplatz haben, doch das ließe sich in der Annahme, dass die Häfen bis zu unserer (theoretischen) Ankunft wieder offen sind sicher irgendwie hinbekommen.
  • Wir haben keine Wohnung und unsere Möbel sowie sonstigen materiellen Habseligkeiten sind größtenteils eingelagert. Wo sollten wir hin? Die eigenen, betagten und damit der Risikogruppe angehörigen Eltern wären jedenfalls keine Option.
  • Wir müssten für die Kinder neue Schulen finden. Die wären neben den aktuellen Herausforderungen u.a. mit Homeschooling (das hier an Bord übrigens gar nicht mal so schlecht funktioniert!) sicher begeistert über unser Anliegen.
  • Wir müssten zeitnah zurück in den Arbeitsalltag. Das ist an sich ja nichts Schlimmes und steht uns ja irgendwann auch bevor. Allerdings würde La Skipper als Ärztin nicht nur recht schnell eine neue Stelle finden, sondern wäre da dann auch direkt an der für uns aktuell weit entfernten Infektionsfront.

Dabei handelt es sich neben vielen anderen Kleinigkeiten nur um die wesentlichen Punkte, die von manchen – unterstellen wir einmal gut meinenden – Menschen übersehen werden.

Doch woher kommt eigentlich diese feste Überzeugung, uns unbedingt zur Rückkehr bewegen zu wollen? Basiert sie auf einer ebenso fundierten, einschlägigen Informationslage, wie sie uns zur Verfügung steht? Wohl eher nicht. Da werden Berichte aus Zeitung und Fernsehen angeführt, über Kreuzfahrtschiffe und Einzelfälle. Mal angenommen, einem Redakteur werden vier Überschriften angeboten:

  • Deutscher Segler-Familie in Ushuaia geht es gut.
  • Südseesegler in letzter Sekunde vor dem Verhungern gerettet.
  • Karibik-Segler bedauern nur, nicht alle Inseln besucht haben zu können, bevor sie nun, wie zu dieser Zeit üblich, aus dem Hurrikangebiet fahren.
  • Karibik-Segler fliehen panische vor der stärksten Hurrikan-Saison aller Zeiten.

Hand aufs Herz: Welche zwei Geschichten werden gedruckt?

Anders herum lesen wir hier ja auch die Nachrichten aus Deutschland, sogar von Deutschen Medien, und finden Überschriften wie…

  • Verantwortungslose Eltern bevölkern geschlossene Spielplätze.
  • Viele Neuinfektionen nach Gottesdienst oder wahlweise Restaurantbesuch.
  • Mit den Worten Nun habt ihr es auch! hustet ein Verdächtiger Polizisten an (das sollte sich in Südamerika mal einer erlauben!).
  • Supermarktmitarbeiter werden angepöbelt, weil die auf geltende Regeln hinweisen.
  • Schlägerei um letzte Klopapierrolle.

Nochmal Hand aufs Herz: Welchen Eindruck gewinnt man alleine aus den Schlagzeilen von Deutschland? Ich würde dort jedenfalls keinen Fuß reinsetzen wollen.

Ich möchte das bitte ausdrücklich nicht als die leider modern gewordene Medienschelte im Sinne von Fake News (schrecklich!) verstanden wissen. Medien haben neben ihrem Informationsauftrag ebenso ihre Zielgruppen und müssen ihre Euro reinbringen. Daher sollte man sich doch bitte nicht ausschließlich und unreflektiert auf die Schlagzeilen verlassen.

Schließlich noch eine ganz persönliche Einschätzung zu einer anderen, heutzutage oft zu lesenden Schlagzeile: Es wird nie so sein, wie früher!. Das zielt nicht zuletzt auf die Reisen der Zukunft ab.

Ja, die aktuelle Situation ist trotz Spanischer Grippe (die eigentlich aus den USA kam), Pest und Cholera so noch nicht da gewesen. Ja, aktuell ist das Leben fast aller Menschen nicht mehr so, wie es war. Und ja, viele glauben, dass es nie wieder so werden könne, wie in der guten alten Zeit. Doch ganz ehrlich: Mein Vertrauen in das kollektive Langzeitgedächtnis der Menschheit ist bei weitem nicht so gefestigt, als dass ich diese Ansicht teilen könnte. Irgendwann wird es einen Impfstoff geben, irgendwann wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben, irgendwann verblasst die Erinnerung und so werden die Menschen, die es sich leisten können und wollen sich auch irgendwann (wohl eher früher als später) wieder auf die Kreuzfahrtschiffe, Fernflieger und Urlaubsressorts stürzen. Und diese Nachfrage wird ihr Angebot finden. Auch die jetzt geschlossenen Urlaubsziele werden natürlich wieder öffnen, ironischer Weise macht ja gerade Italien demnächst den Anfang. Tourismus ist ein zu gewaltiger Wirtschaftsfaktor, für manche Länder gar überlebenswichtig, als dass hier nicht alles auf einen Weg zurück zur Normalität weisen würde.

Ja, ich kann natürlich falsch damit liegen. Doch wenn man bedenkt, dass sogar nach den katastrophalen Ereignissen des letzten Jahrhunderts und der damit einhergehenden, intensiven Erinnerungskultur inzwischen Rechtspopulisten weltweit im Aufwind sind, kann ich persönlich ein solch unerschütterliches Vertrauen in die kollektive Rationalität der Menschheit nicht teilen.

So, das war jetzt mal was ganz anderes auf diesem Blog und ich danke jedem, der es bis hierher geschafft hat durchzuhalten. Wie gesagt sind es persönliche Wahrnehmungen, Gedanken und Einschätzungen, die ausdrücklich keinen Anspruch auf vollständige Information, letzte Wahrheit, oder gar umfassende Weisheit erheben. Jedoch helfen sie dem aufgeschlossenen(!) Leser vielleicht ein wenig dabei, eventuell vorhandene Zweifel und Fragen über unser Handeln in dieser Situation besser zu verstehen. In diesem Sinne alles Gute und natürlich Gesundheit!

P.S. Dieser Eintrag wurde per Satellit eingestellt und beinhaltet daher keine Bilder. Auch Kommentare können wir erst wieder lesen, beantworten bzw. auch nur die zur Veröffentlichung notwendige Genehmigung erteilen, wenn mal wieder Internetzugang besteht ( das soll jedoch bitte niemanden vom Schreiben abhalten ;-).

Grüße aus Chile

Um 12:05 Uhr argentinischer Zeit (UTC-3) war es soweit, wir passierten die chilenische Grenze und es passierte… nichts. Kein Schiff der Armada, kein Funkspruch, alles ruhig. Bis wir dann um 16 Uhr direkt an der Alcamar Yánama, also einer Station der Chilenischen Armada, vorbeifuhren und natürlich sogleich angerufen wurden. Mit der hier üblichen professionellen Höflichkeit wurden erst einmal diverse Informationen über Boot, Crew und Route abgefragt, bis dann der Hinweis kam, dass die Chilenischen Grenzen ja geschlossen sind. Man wolle mit Puerto Williams Rücksprache halten. Ich verwies auf unsere von der Gobernance Maritima Valdivia (wenn auch nur fern-mündlich an unseren Honorarkonsul) erteilte Genehmigung von Ushuaia direkt nach Valdivia zu kommen und bestätigte das Vorhandensein einer entsprechenden E-Mail. Mal sehen, was sie daraus machen. Unseren Honorarkonsul in Valdivia habe ich jedenfalls entsprechend informiert.

Kurz vor Sonnenuntergang kamen wir dann, nach einer entgegen JEDER Wettervorhersage SEHR windigen Fahrt mit teilweise locker über 30kn Wind exakt von vorne, in der Caleta Olla an. Auch wenn es sich hier um eine sehr beliebte Bucht handelt, haben wir sie natürlich für uns alleine. Der Anker ging in der Mitte auf 15m Tiefe, 80m Kette wurden rausgelassen und wir verbrachten die immer noch so böig nicht angesagte Nacht sicher und ruhig.

Tja, gerade hatten wir also unser erster Frühstück in Chile und sind guter Hoffnung, dass wir in den nächsten Wochen und Monate noch oft in diesem schönen Land frühstücken werden. Der Crew und dem Boot geht es gut… endlich können wir das machen, wofür wir eigentlich aufgebrochen sind: weiterfahren und andere Länder erkunden. In diesem Sinne viele Grüße aus Chile!

P.S. Dieser Eintrag wurde per Kurzwelle eingestellt und beinhaltet daher keine Bilder. Auch Kommentare können wir erst wieder lesen, beantworten bzw. auch nur die zur Veröffentlichung notwendige Genehmigung erteilen, wenn mal wieder Internetzugang besteht ( das soll jedoch bitte niemanden vom Schreiben abhalten ;-).