Genehmigung aufgrund des Gesetzes zur Ausführung des Umweltschutzprotokolls vom 4. Oktober 1991 zum Antarktisvertrag (AUG)

Am 9. Januar 2020 war es dann endlich soweit. Per E-Mail sowie im Original per Post nach Berlin erhielten wir einen positiven Bescheid, also die „Genehmigung zur Durchführung“ des Vorhabens „Private Yachtreise in die Antarktis während des Südsommers 2019/2020 – SY Samai“.

Natürlich war diese (auf unsere Versicherung abgestimmt) zeitlich bis zum 29. Februar begrenzt und natürlich mit diversen, auf den folgenden drei(!) Seiten angeführten Auflagen versehen. Es würde zu weit gehen, diese hier in vollem Umfang anzuführen… bei Interesse gebe ich auf Anfrage gerne detaillierte Auskunft. An dieser Stelle nur die „Highlights“:

  • Einhaltung von in diversen Leitfäden und Resolutionen festgeschriebenen Verhaltensregeln und Verpflichtungen in praktisch jedem Moment des Aufenthaltes in der Antarktis.
  • Das beinhaltet auch die Einhaltung der „Leitlinien zur Minimierung des Einflusses von Licht“ (… mit anderen Worten müssen wir zum Schutz der Tiere nachts selbst dann unsere Fenster verdunkeln, wenn wir neben einem gewohnt unauffälligen Kreuzfahrer liegen!)
  • Gründliche Reinigung von Schiff, Kleidung und Schuhwerk vor und während der Reise („Don’t pack a pest!“)
  • Einleitung von Schwarzwasser (alles was durch die Toilette geht) in mind. 3sm Abstand von Land und Eiskante
  • Einleitung von Grauwasser (alle sonstigen Haushaltsabwässer, z.B. vom Abspülen, Händewaschen etc.) in mind. 3sm Abstand von Land und Eiskante
  • Einleitung von (auf max. 2,5cm zerkleinerten!) Lebensmittelabfällen in mind. 12sm Abstand von Land und Eiskante
  • Keine Einleitung von unter anderem Geflügelabfällen und Speiseöl
  • Einleitungen und sonstige Entsorgungen (ggf. nach Rückkehr!) sowie auch Aktivitäten vor Ort sind grundsätzlich zu dokumentieren

Teil 3 „Nachreiseangaben“ steht uns noch bevor. Der leere Vordruck umfasst schon neun Seiten. Darin ist unter anderem detailliert darzulegen, wie die Auflagen eingehalten wurden, wann-wer-wo-wie lange Ausflüge gemacht hat und wann-wo-wieviel Abwässer eingeleitet wurden. Einzureichen „spätestens 3 Monate nach Abschluss der Reise“.

Ach ja, und natürlich wurde abschließend auch noch eine Rechnung aufgemacht. Eine „Gebühr“ von sage und schreibe 850€ hat uns der Bescheid gekostet.

Trotz allem sei hier nochmal ausdrücklich die konstruktive und ausgesprochen freundliche Zusammenarbeit mit den Kolleginnen des Umweltbundesamtes hervorgehoben. Ich hatte immer den Eindruck, dass sie uns unser Vorhaben grundsätzlich ermöglichen wollten, dabei aber natürlich auch ihre eigenen Vorgaben beachten mussten. Zusammenfassend eine ausgesprochen positive Erfahrung! Zum BSH sage ich dagegen lieber nichts mehr…

Und wie machen es eigentlich andere Länder?

Frankreich

Im Gespräch mit einem Franzosen kamen wir auf den Antrag zu sprechen. Auch er musste seitenweise Formulare mit alle möglichen Details ausfüllen. Dann fragte ich ihn, wie er das mit dem Grauwasser mache. Seine Gegenfrage: Wieso? Er habe ja nicht einmal einen Schwarzwassertank an Bord. Mithin gehen also alle seine Abwässer, ob nun vom Abspülen oder auch die Verdauungsendprodukte direkt dort in die Antarktischen Gewässer, wo sie anfallen. Ungläubig ließ ich mir bestätigen, dass er trotzdem eine Genehmigung erhalten habe. Daraufhin zeigte er mir Artikel 6 des Antarktis-Vertrages. Darin geht es um Abwasserentsorgung. Und der letzte Satz besagt, dass dieser Artikel nicht für Schiffe mit weniger als 10 Personen gilt. Er dürfe also alles überall einlassen. Und dieser Argumentation ist die Französische Behörde offensichtlich gefolgt. Von Dokumentation reden wir da mal gar nicht erst. Und über eine Gebühr brauchen wir auch nicht zu reden… in Frankreich ist die Genehmigung in der Tat kostenlos!!!

Russland

Diesen Südsommer ist der 200. Jahrestag einer russische Antarktis-Expedition. Das nahmen viele russische Segelboot zum Anlass, diese Route zumindest bis zu einer russischen Antarktis-Station nachzufahren, teilweise aber auch gleich zweimal mit wechselnder Crew die Halbinsel zu besuchen. Nun ist es in Russland aber wohl nicht nur kompliziert oder gar schwierig, eine offizielle Genehmigung dafür zu bekommen. Es sei schlichtweg unmöglich. Aber man ist ja pragmatisch. Faktisch hat also nicht eines der diversen russischen Segelboots, die nicht nur dieses Jahr in die Antarktis fahren, eine Genehmigung. Das scheint aber auch kein nennenswertes Problem darzustellen. Zumindest für die Russen.

Antrag zur Durchführung touristischer Yachtreisen in antarktischen Gebieten südlich des 60. Breitengrades Süd

Kling etwas sperrig, nicht wahr? Muss aber sein, denn schließlich gibt es ja einen Antarktisvertrag. Dieser gilt für das gesamte Gebiet südlich des 60. Breitengrades Süd und beinhaltet diverse Regelungen zum Schutz dieses einzigartigen Naturraumes. Daher darf man auch nicht einfach so dahin fahren, sondern muss bei der dafür zuständigen Behörde seines Landes (bei uns das Umweltbundesamt) einen Antrag stellen.

Teil 1 „Vorabangaben“ umfasst 31 Seiten plus Anhänge. Darin ist detailliert darzulegen, wer mit welchem Boot wann wohin fahren möchte. Es sind die geplante Route sowie geplante Aktivitäten zu nennen. Besonderes Augenmerk wird hier auf die besonders geschützten und verwalteten Gebiete sowie natürlich den Erhalt der antarktischen Tier- und Pflanzenwelt gelegt. Weiter geht es mit den Reiseteilnehmern, Versicherungen, Sicherheitsmaßnahmen und -ausrüstung an Bord bis hin zu separat einzureichenden, detaillierten Notfallplänen für verschiedene Szenarien wie Mensch über Bord (MOB), Feuer, Mastbruch, Wassereinbruch, Sinken. Abschließend werden dann Chemikalien (inkl. Produktdatenblätter der an Bord verwendeten Reinigungs- und Waschmittel) sowie Abfälle und Abwässer (Art – Menge – Behandlung – Entsorgung) abgefragt bevor die Selbsteinschätzung der Auswirkung des geplanten Vorhabens auf die antarktische Umwelt den Antrag abrundet.

Teil 2 „Erfahrungsnachweise“ beinhaltet, wie der Name schon sagt, eine Übersicht der allgemeinen und einschlägigen Segelerfahrungen der verantwortlichen Crew. Hier war sicherlich hilfreich, dass ich schon einmal mit einem Segelboot in der Antarktis war und wir letztlich bis dahin ja auch schon mit dem eigenen Boot von Nord nach Süd um die halbe Welt gesegelt sein würden.

Diesen Antrag habe ich gewissenhaft ausgefüllt und schon in der ersten Jahreshälfte 2019 an das Umweltbundesamt geschickt. Wenige Tage später bekam ich Post. Mit klopfendem Herzen öffnete ich den großen Umschlag und sah… eine Eingangsbestätigung. Die Mühlen fingen an zu mahlen.

Der nächste Kontakt des Umweltbundesamtes erfolgte per Email. Darin enthalten war zunächst eine recht lange, aber durchweg begründete Liste an Nachfragen. Ich hatte einige Punkt zugegebener Maßen etwas locker beantwortet. Da waren diese Hausaufgaben nur logisch. Des Weiteren erhielt ich eine Einladung zum Sitz des Umweltbundesamtes. Ok, für An- und Abreise müsste ich natürlich schon selbst sorgen, aber man möchte mich gerne in einem persönlichen Gespräch kennenlernen. Das sei seit einigen Jahren das Standardvorgehen. Was tut man nicht alles für den Traum, mit der Familie auf eigenem Segelboot in die Antarktis zu fahren. Da nimmt man sogar den kleinen Umweg über Dessau-Roßlau in Kauf.

Der Termin an einem vom Wetter her so gar nicht passenden, heißen Sommertag war sehr nett und auch aufgrund meiner Vorbereitung recht kurz. Ich hatte meine Hausaufgaben so gut es mir möglich war erledigt und nach einer einleitenden Präsentation waren auch die offenen Fragen schnell besprochen. Nach kaum mehr als einer Stunde saß ich schon wieder im Auto Richtung Berlin. Jetzt musste ich nur noch den Antrag finalisieren. Doch im Stress des Sommers 2019 (Stichworte: Wohnungsauflösung, Boot ausrüsten, Ämter etc.) bliebt das leider bis Lissabon liegen. Es war also Mitte August, als ich offiziell unseren vollständigen Antrag einreichte.

Und dann kamen die Rückfragen des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH). Wenn ich das richtig verstanden hatte, sollte dieses eigentlich nur eine Stellungnahme zu unserem Boot abgeben. Doch da war offensichtlich ein sehr eifriger Kollege am Werk, der – dieses Eindrucks konnte ich mich nicht erwehren – einen gewissen Narren an uns gefressen hatte.
In der ersten Runde ging es dem BSH insbesondere um Fragen, die eigentlich mit dem Umweltbundesamt bereits in unserem persönlichen Treffen besprochen waren, z.B. nach…

  • anfallenden Ölrückstände (z.B. „insbesondere Schmierölwechsel“, was ja sicherlich gaaaaanz oben meiner „2-DO-in-der Antarktis-Liste“ steht)
  • dem (wie bereits im Antrag festgestellt) nicht vorhandenen Grauwassertank
  • dem Vorhandensein einer Lebensmittelzerkleinerungsanlage (wie könnten wir sonst sicher stellen, dass Lebensmittelabfälle wie angegeben auf unter 25mm zerkleinert werden???)
  • Papier und Pappe (die Verbrennung dürfe nicht in unserem erprobten Feuereimer sondern nur in „bordseitigen und zugelassenen Verbrennungsanlagen“ erfolgen)

In der zweiten Runde wurde es dann endgültig … ich spare mir mal das Adjektiv. Er wurde ein Fotodokumentation der Lagerung unserer Dieselkanister unter Deck sowie der angeblich erforderlichen MARPOL-Müllaushänge eingefordert. Dabei müssen wir als Sportboot letztere nicht einmal aushängen, sondern nur mitführen.

Nachdem alle Fragen vielleicht nicht zur allgemeinen Zufriedenheit, zumindest aber doch in offensichtlich hinreichendem Maße beantwortet waren, blieb uns nur noch zu warten…

Ich bin Samuel!

Ich bin sehr aufgeregt wegen der Weltreise. Ich habe aber keine Angst, dass etwas passiert, weil wir uns so gut wie möglich ausgerüstet haben. Jetzt da es bald so weit ist, haben unsere Eltern viel zu tun. Manchmal finde ich es schade, aber manchmal mag ich es auch, wenn ich meine Ruhe habe.

Wir sind gestern mit einem überfüllten Auto nach Bremerhaven gefahren (wo unser Boot gerade liegt). Direkt an dem Tag ist irgendetwas mit der Toilette passiert. Papa hat es repariert und sie läuft besser als am ersten Tag als wir das Boot gekauft haben.

Papa bei der Arbeit ;-)

Samuel