Samuel über die Tierwelt in der Antarktis (1)

Die ersten Tiere haben wir bereits auf der Drake Passage gesehen. Papa findet sie so beeindruckend, also fange ich damit mal an: Albatrosse! Sie können einen Flügelspannweite von bis zu 3 m haben. Wir haben aber nicht so große Exemplare gesehen. Unsere hatten nur eine Spannweite von etwa 1-2 m. Wir haben auch noch sogenannte Cape Petrols gesehen. Dann endlich das erste Land in Sicht, begleitet von Albatrossen und den Cape Petrols.

Cape Petrols

Als wir in Deception Island an Land gingen, erwartete uns dort ein Seeleopard.

Auf der Überfahrt von Deception nach Enterprise Island wurde ich um 5 Uhr morgens von Papa geweckt. Als ich mir die Jacke angezogen habe und oben war, sah ich sofort die schwarze Finne eines Schwertwales (Orca). Es waren aber noch mehr als nur einer. Sie blieben bestimmt zehn Minuten, ehe sie weg waren. Die Wale haben, wie Delfine, an der Bugwelle gespielt. Da sieht man, dass die großen gefährlichen Schwertwale mit Delfinen verwandt sind. Ich habe mich zwar tot gefroren aber es hat sich gelohnt beim Zwielicht den Orcas zuzusehen. Die ersten Wale der Antarktis.

Orca

In Enterprise Island gab es auch die ersten Robben. Es waren Pelzrobben. Allerdings gab es auf dem Weg schon die zweiten Wale. Es waren Minkwale, die sehr selten die Schwanzflosse zeigen. Wir hatten Glück und haben eine Flosse gesehen. Minkwale sind auch die häufigste Art von Walen der Antarktis.

Das ist aber eher ein Buckelwal

Wenn ihr euch fragt, wo denn die Pinguine bleiben, ab Orne Harbour geht es los. Da sind wir nahe an einer Zügelpinguin Kolonie vorbeigefahren und haben sie beobachtet. Wir haben sie auch beim rein springen ins Wasser beobachtet, immer mit ausgebreiteten Flügeln.

Zügelpinguine

Danach sind wir nach Cuverville Island gefahren und haben eine große Eselspinguin Kolonie gesehen, durch die wir gegangen sind. Die Pinguine hatten sogar Nachwuchs, der war nicht nur super dreckig sondern auch super stinkig. In der Bucht haben wir auch Weddellrobben und Pelzrobben gesehen.

Eselspinguine

In einer Bucht von Paradies Harbour haben wir nur ein paar Robben auf Schollen, Eselspinguine, Skuas und Blauaugenkormorane gesehen.

Skua
Blauaugenkormoran

Um die Chilenische Station, die wir danach besuchten, gab es eine Eselspinguin Kolonie. Wir wussten gar nicht, wie wir vom Dinghy zur Station kommen sollten, weil auf dem gepflasterten Gehweg überall Eselspinguine standen.

Es waren sogar einige plüschige Baby-Pinguine dabei. Leider waren sie so schmutzig. Einmal wollte ich an einem liegenden Baby-Pinguin vorbeigehen, großer Fehler. Er hob den Schwanz und ein gezielter Strahl Pinguinkacke schoss nur knapp an meinem Gummistiefel vorbei.

Nach der Besichtigung der Station wussten wir nicht, wie wir zurück kommen konnten. Wir sind einfach gelaufen, doch ein Pinguinbaby, das sich anscheinend sehr für Mailas rosa Gummistiefel interessiertere, wollte nicht aus dem Weg gehen. Es hat auch ab und zu nach ihren Gummistiefeln geschnappt. Als es endlich zur Seite ging, hatte sich vor uns wieder eine Babytraube gebildet.

Der dreckige Pinguin, der nicht aus dem Weg wollte ging einfach vor und drückte die anderen Babys vom Weg. Er bekam auch den Namen Dreckspatz von Maila. Wir sind weiter gegangen, doch Dreckspatz ist uns bis zum Dinghy gefolgt. Maila verabschiedete sich von Dreckspatz und wir sind zum Boot zurück gefahren.

Vor der Lemaire Street haben wir Buckel- und Minkwale gesehen, die uns auch einige Minuten begleitet haben.

Es war schon spät, als wir in der Bucht angekommen sind. Die Sahra W. Vorwerk hat uns zum Essen eingeladen. Beim Essen wurden wir von einer Eisscholle gerammt, die einen Swimmingpool hatte, in dem zwei Krabbenfresserrobben planschten. Die waren so süß. In Johnnessen Habour sind nur ab und zu Robben, wo wir nicht erkennen konnten welche Art, um unser Boot geschwommen und gehüpft. Dann waren wir auch schon am südlichsten Punkt unserer Reise. Tierwelt Antarktis (2) ist dann die Rückfahrt.

Samuel

Wendepunkt in Mutton Cove

Antarktis, Mitte Februar 2020

Nein, das Wetter war nicht wirklich schön. Dafür was es ausgesprochen antarktisch. Wir starteten mit 5-6 Bft. und Schneeregen. Ja, es lag tatsächlich eine zarte weiße Schicht an Deck. Im Laufe des Tages wurde es wenigstens etwas besser. Der Wind nahm ab und es gab nur hin und wieder mal leichten Schneefall. Und dann gab es noch diese woanders wohl nur schwerlich zu erfahrenden Eindrücke.

Für die Fahrt hatten wir die Wahl. Entweder den gestrigen Weg weitgehend zurück und dann nach Süden abbiegen. Vorteil: kaum „unsurveyed“ Gebiete auf der Karte. Nachteile: zumindest anfangs schlechter Wind und gut 15sm Umweg. Darum nahmen wir also den alternativen, direkten Weg östlich an der etwas vorgelagerten Renaud Island runter. Es ging zwar durch ein großes, weißes Seekartengebiet ohne jede Tiefenangabe, aber nach unserer (zugegebenermaßen nicht allzu umfangreichen, aber inzwischen doch vorhandenen) Erfahrung sind die gefährlichen Steine auch hier recht zuverlässig verzeichnet. Dazu bleibt der Tiefenmesser natürlich immer im Blick… das Risiko war absolut überschaubar.

Kaffee an Deck…
Kakao unter Deck…

Diese Route führte uns durch ein mehrere Seemeilen großes Gebiet mit reichlich Eisbergen. Auf dem Radar sahen wir regelmäßig über ein Dutzend der größeren Vertreter aufscheinen, die kleinen flankierten drumherum.

Eisberge auf dem Radar vs.

Dazu dann noch einige Robben, die immer mal wieder neugierig aus dem Wasser schauten. Eigentlich schade, dass es (mal wieder) im Wesentlichen der Skipper war, der diesen Ausblick genießen konnte. Dafür war er auch (mal wieder) der Einzige draußen in der Kälte. Der Rest der Crew verbrachte die Zeit lieber (mal wieder) bei den inzwischen gewohnten, lauschig warmen ca. 10°C unter Deck und wagte nur sporadisch, meist auf Zufruf des Skippers, einen Blick auf die selbst bei geschlossener Wolkendecke eindrucksvolle Szenerie.

Eisberge in Natura…

Die Detailkarte von Mutton Cove basiert wie so manch andere auf einer Jahrzehnte alten Zeichnung, wies aber eine gute Landmarke, auf der es sich gerade auch ein paar Pinguine und Pelzrobben gemütlich gemacht hatten, sowie eine großzügige Durchfahrt von Süden. Und schließlich wissen wir aus entsprechenden Berichten, dass in den letzten Jahren ja auch schon andere Segelyachten hier angelegt hatten.

Großer Eisberg vor…
Mutton Cove… und da drin wollen wir übernachten!

Ja, wir hatten hier tatsächlich nicht geankert. Bei einem Abstand von nicht einmal 40m zwischen der südlichen Cliff Is. und der nördlichen Upper Is. gibt es einfach nicht genug Platz zum Schwojen. Also zumindest nicht bei den hier üblichen und notwendigen Kettenlängen! So sind wir also an einem steilen Felsen längsseits gegangen. Auch wenn sie bei den aktuellen Bedingungen nicht wirklich notwendig waren, brachten wir dann auch noch Landleinen auf die gegenüber liegende Seite aus.

Für uns war das ja eine Premiere und wir wollten das wenigstens einmal bei so angenehmen Bedingungen geübt haben. Dabei stellte sich dann auch erstmals heraus, dass der Nachwuchs beim Ausbringen der Leinen ausgesprochen gerne behilflich ist. Der notwendige Knoten muss zwar noch geübt werden, aber das gegebenenfalls notwendige Anlanden, Herumklettern und Suchen von sicheren Haltepunkten machen beide mit steigender Begeisterung. Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis wir Samuel und Maila ganz beruhigt alleine mit Dinghy und Landleinen losschicken können, ohne uns aus Sorge um deren zuverlässige Ausbringung die Nacht um die Ohren schlagen zu müssen.

Ruhig und sicher verbrachten wir die Nacht an diesem südlichsten Punkt unserer nicht nur Antarktis- sondern (geplanten) Weltreise. So weit hatten wir es tatsächlich geschafft. Ja, es mischte sich durchaus etwas Wehmut über den verpassten Polarkreis in die Stimmung. Doch insgesamt überwog der Stolz. Vor gut 7 Monaten in Deutschland gestartet sind wir über den Atlantik und fast den ganzen südamerikanischen Kontinent entlang gefahren und lagen nun hier auf 66° südlicher Breite. Wow!

Planänderung in Johannessen Harbour

Antarktis, Mitte Februar 2020

Die Fahrt nach Johannessen Harbour verlief recht ereignislos. Zumindest bis unser geplanter Unterschlupf für die Nacht in Sicht kam. Irgendwie war da nur eine weitgehend komplett mit Eis überzogene flache Insel zu sehen. Wir kamen näher und es wurde nicht besser. Sollte voraus inzwischen nicht die Ankerbucht (also der Bereich innerhalb einer 20m-Tiefenlinie) im Süden zu erkennen sein? Doch da waren nur ein paar Eisberge vor hoher Abbruchkante. Nicht sehr Vertrauen erweckend. Anscheinend ein typischer „Antarktischer Harbour“. Und als wir einfuhren, blies es auch noch entgegen aller Vorhersage mit 5Bft. durch die Bucht. Ganz ehrlich: Ich hatte schon ein etwas mulmiges Gefühl bei der ganzen Sache. Die Alternative wäre, gleich weiter nach Detaille Island durchzufahren, aber wir konnten uns das Ganze ja mal aus der Nähe anschauen.

Kleiner Gletscher auf dem Weg nach Johannessen Harbour…

Wo war sie denn nun, die 20m-Grenze? Wir waren schon an den anscheinend fest sitzenden Eisbergen vorbei und die Eiswand kam immer näher. Und dann passierte es tatsächlich. Hinter einem großen, von zwei Robben besetzten Eisberg ließ der Wind plötzlich nach, es wurde flacher und nach einer prüfenden Runde fiel der Anker auf inzwischen gewohnte gut 20m. An so einem Platz hatten wir tatsächlich noch nie übernachtet. Aber es sollte ja ein kurzer Zwischenstopp bis zum ersten Tageslicht sein… und das kann hier unten zu dieser Jahreszeit durchaus schon mal um 3-4 Uhr morgens durchscheinen.

Vor Anker in Johannessen Harbour.

Also theoretisch. So schnell kann es gehen. Die Ursprünglich geplante Abfahrt um 3 Uhr fiel wegen Dunkelheit aus. Ohne Wolken hätte es sicher gereicht, allerdings fiel leichter Schneeregen aus geschlossenem Grau. Da hatte es auch die Morgensonne schwer. Um halb fünf saßen Skipper und La Skipper also (leicht fröstelnd) unter Deck, beratschlagten das weitere Vorgehen… und trafen nun doch die Entscheidung gegen Detaille Island.

  • Draußen blies es schon jetzt um einiges stärker als vorhergesagt
  • Für diesen und die nächsten zwei Tage waren im Süden Regen und Schnee angesagt…
  • … bei Temperaturen um den Gefrierpunkt
  • An eine Ankunft bei Tageslicht war nicht mehr zu denken…
  • … und wir hatten keine Ahnung, wie die Eissituation dort unten im Süden tatsächlich ist.
  • Schließlich bedeutete der Abstecher über den Polarkreis einen „Umweg“ von über 120sm.

Wir machten es uns sicher nicht leicht, aber die Abwägung zwischen dem weitgehend bekannten Aufwand, der zu erwartenden Unsicherheit und den nun doch unbestreitbar verpassten Erlebnissen brachte den Ausschlag, heute „nur“ noch bis Mutton Cove nach Süden zu fahren. Mit dieser Entscheidung ging es wieder ins Bett.

Ankern hinter einem Eisberg – vorher

Nun endlich fand nun auch La Skipper etwas mehr als nur Sekundenschlaf. Die ganze Nacht über war sie unruhig ob unseres speziellen Ankerplatzes zwischen dieser Abbruchkante („Wenn sich da was ablöst…!“) und dem Eisberg („Wenn der auseinanderbricht…!“). Die Ohren gespitzt auf die kleinsten Geräusche lauschend, immer wieder ein prüfender Blick nach draußen, ständig latente Angst ob der gefühlten Unsicherheit. Noch Wochen später stellt sie fest:

„Das war für mich die schlimmste Nacht in der Antarktis!“

Doch nun endlich fand sie etwas Ruhe. Bis Maila neben ihr liegend um halb neun leise sagte: „Das war aber ganz schon laut!“ – „Von wo?“ – „Von vorne!“. Da war La Skipper in Sekundenbruchteilen hellwach und sorgte lautstark für eine umgehende Beendigung der Ruhe des Skippers. Ein Blick nach Draußen brachte die Gewissheit. Von dem Eisberg, hinter den wir uns verkrochen hatten, war nicht mehr viel zu sehen… dafür schwammen reichlich Überreste umher. Wo war doch gleich unser Anker? Klar doch… Richtung Trümmer. Sitzen diese noch fest? Sie sollten wahrlich nicht über unseren Anker treiben. Logische Konsequenz: Motor an und Anker hoch… sofort!

Ankern hinter einem Eisberg – nachher

So begab es sich also tatsächlich, dass die gerne schnubbelnd-düselde Crew der Samai schon vor neun Uhr wieder unterwegs war… ein letztes Mal ging es Richtung Süden.

Wie geht es weiter?

Trotz offiziell geschlossener Grenze und ohne offizielle Einreise sind wir mittlerweile den dritten Tag in Chile. In den Funkgesprächen mit der Chilenischen Armada wurden noch ein paar weitere Informationen abgefragt und man forderte uns auf, täglich um 20Uhr per E-Mail einen Positionsreport abzuschicken. Doch das ist in Chile ganz normal. Schließlich wurde uns eine gute Fahrt gewünscht. So wie es aussieht, haben wir es also geschafft. Wir sind in Chile und dürfen auch bleiben.
Als ETA (geschätzte Ankunftszeit) für unseren nächsten Hafen Valdivia haben wir den 30. Juli angegeben. Die nächsten zwei Monate wollen wir uns also ganz gemütlich die gut grob geschätzt 1.300sm Richtung Norden hangeln und die grandiose Gegend hier in aller Ruhe erkunden. Ja, es ist wirklich unglaublich schön hier unten, und nicht zuletzt aufgrund der aktuellen Situation sind wir auch weitgehend alleine unterwegs. Mal sehen, ob wir in den nächsten Wochen noch andere Segler treffen. Wir wissen zwar, dass einige wenige unterwegs sind, aber es ist ein großes Gebiet und es verläuft sich.
Die ersten Landerkundungen waren dann auch Balsam auf der lange in Ushuaia festgehaltenen Seele. Selten zuvor, vielleicht noch auf dem offenen Ozean bei der Atlantiküberquerung, haben wir ein solches Gefühl von Freiheit gehabt.
Ein Nebeneffekt unserer Planung ist, dass wir die nächsten zwei Monate weitgehend offline sind. Zumindest werden wir voraussichtlich bis Valdivia keinen echten Internetzugang mit unseren Standard-E-Mails, Nachrichten, WhatsApp & Co. etc. haben. In dieser Hinsicht wird es also ähnlich wie bei unserem 1-monatigen Ausflug in die Antarktis sein. Dementsprechend werden wir im Blog auch nur sehr sporadisch aktuelle Einträge aus Chile veröffentlichen.
ABER: Es geht trotzdem weiter. Ab dem 2. Juni sind wir hier wieder in der Antarktis. Nach den Ereignissen bei Plénau Island führt die Reise noch weiter in den Süden und schließlich auch wieder zurück bis Ushuaia. Wir haben bis zum 18. Juli alle zwei Tage einen Beitrag eingeplant… immer an den geraden Tagen gibt es Nachschub. Dazwischen hin und wieder vielleicht auch mal einen aktuellen Status aus Chile, doch der eigentliche Bericht über unsere Zeit in den Chilenischen Kanälen kommt dann (mehr oder weniger reich bebildert ;-) im Nachgang.
In diesem Sinne danken wir für Eure Treue, wünschen viel Spaß beim Lesen und hoffen auf eine gute Zeit. Nicht nur für uns, die (dessen sind wir uns in Dankbarkeit völlig bewusst) wir das Privileg haben genau dort zu sein, wo wir gerade sind. Auch für Euch, unsere Leser, sowie natürlich alle anderen… bleibt gesund und macht das Beste aus der aktuellen Situation.
P.S. Dieser Eintrag wurde per Satellit eingestellt und beinhaltet daher keine Bilder. Auch Kommentare können wir erst wieder lesen, beantworten bzw. auch nur die zur Veröffentlichung notwendige Genehmigung erteilen, wenn mal wieder Internetzugang besteht ( das soll jedoch bitte niemanden vom Schreiben abhalten ;-).

Sind wir eigentlich völlig bescheuert?

Noch vor gar nicht allzu langer Zeit, da war man als Langfahrtsegler echt abgeschnitten von Familie, Freunden und Bekannten. Das hat sich grundlegend geändert. Viele Häfen, auch auf abgelegenen Inseln haben WLAN. Man kann sich eine Daten-SIM-Karte seines Gastlandes besorgen und hat WhatsApp, Skype, Threema, Facebook, Instagramm, Nachrichtenportale und vieles mehr. Selbst auf hoher See oder in der Antarktis besteht immerhin noch die Möglichkeit, über Kurzwelle oder Satellit Text-Emails zu schreiben, Wetterdaten zu empfangen oder auch zu telefonieren. Wunder der Neuzeit!
Dementsprechend stehen auch wir im Kontakt mit Familie und Freunden in Deutschland sowie auch (insbesondere) Seglern rund um die Welt, sei es über andere Blogs oder auch persönlichen Austausch. Die meisten Segler sind unserer Meinung, dass wir in der aktuellen Situation im Grund privilegiert sind. Ja, Pläne ändern sich, manch ein Vorhaben kann nicht durchgeführt werden, doch es geht uns letztlich überdurchschnittlich gut.
Das persönliche Feedback, das uns erreicht, ist auch zum absolut überwiegenden Teil ausgesprochen positiv. Manch einer verwendet sogar das Wort Bewunderung, welches unserer Meinung nach jedoch etwas zu hoch gegriffen scheint. Im Endeffekt hatten wir vor knapp 12 Jahren mal eine Idee, dann lange darauf hingearbeitet und sind nun endlich in der Umsetzung. Vielleicht abseits ausgetretener Pfade und zufälliger Weise zu einer besonderen Zeit, aber auch nicht die ersten oder gar einzigen. In jedem Fall scheinen sich fast alle mit uns darüber zu freuen, dass es endlich weiter geht… vielen Dank dafür!!!
Es gibt jedoch auch einige wenige Stimmen, die scheinen uns letztlich für völlig bescheuert zu halten. Das beginnt ja schon damit, dass wir entgegen aller Vernunft und gutem Ratschlag die Rückholaktionen nach Deutschland nicht genutzt haben. Wie konnten wir nur so blöd sein?! Ja, für manche mag der Weg Heim ins Reich richtig gewesen sein und wir hoffen, dass es ihnen und natürlich auch den zurück gelassenen Schiffen gut geht (besonders liebe Grüße an J.+S. :-).
Doch jetzt könnten wir uns der neuen Realität wirklich nicht mehr verschließen. Die einzig sinnvolle Entscheidung sei es, das Boot vollzupacken und auf direktem Weg nach Deutschland zu segeln… nach Hause! Mal abgesehen davon, dass das die Tatsache ignoriert, dass wir hier und jetzt auf unserer Samai zu Hause sind, scheinen sich diese (meist nicht segelnden) Apologeten offensichtlich nicht die Mühe des von mir sehr geschätzten Perspektivenwechsels gemacht zu haben. Mal angenommen, wir würden jetzt wirklich im kräftezehrenden Hau-Ruck-Verfahren nach Deutschland segeln…
– Es beginnt damit, dass wir dort keinen Dauerliegeplatz haben, doch das ließe sich in der Annahme, dass die Häfen bis zu unserer (theoretischen) Ankunft wieder offen sind sicher irgendwie hinbekommen.
– Wir haben keine Wohnung und unsere Möbel sowie sonstigen materiellen Habseligkeiten sind größtenteils eingelagert. Wo sollten wir hin? Die eigenen, betagten und damit der Risikogruppe angehörigen Eltern wären jedenfalls keine Option.
– Wir müssten für die Kinder neue Schulen finden. Die wären neben den aktuellen Herausforderungen u.a. mit Homeschooling (das hier an Bord übrigens gar nicht mal so schlecht funktioniert!) sicher begeistert über unser Anliegen.
– Wir müssten zeitnah zurück in den Arbeitsalltag. Das ist an sich ja nichts Schlimmes und steht uns ja irgendwann auch bevor. Allerdings würde La Skipper als Ärztin nicht nur recht schnell eine neue Stelle finden, sondern wäre da dann auch direkt an der für uns aktuell weit entfernten Infektionsfront.
Dabei handelt es sich neben vielen anderen Kleinigkeiten nur um die wesentlichen Punkte, die von manchen – unterstellen wir einmal gut meinenden – Menschen übersehen werden.
Doch woher kommt eigentlich diese feste Überzeugung, uns unbedingt zur Rückkehr bewegen zu wollen? Basiert sie auf einer ebenso fundierten, einschlägigen Informationslage, wie sie uns zur Verfügung steht? Wohl eher nicht. Da werden Berichte aus Zeitung und Fernsehen angeführt, über Kreuzfahrtschiffe und Einzelfälle. Mal angenommen, einem Redakteur werden vier Überschriften angeboten: – Deutscher Segler-Familie in Ushuaia geht es gut.
– Südseesegler in letzter Sekunde vor dem Verhungern gerettet.
– Karibik-Segler bedauern nur, nicht alle Inseln besucht haben zu können, bevor sie nun, wie zu dieser Zeit üblich, aus dem Hurrikangebiet fahren.
– Karibik-Segler fliehen panische vor der stärksten Hurrikan-Saison aller Zeiten. Hand aufs Herz: Welche zwei Geschichten werden gedruckt?
Anders herum lesen wir hier ja auch die Nachrichten aus Deutschland, sogar von Deutschen Medien, und finden Überschriften wie… – Verantwortungslose Eltern bevölkern geschlossene Spielplätze. – Viele Neuinfektionen nach Gottesdienst oder wahlweise Restaurantbesuch.
– Mit den Worten Nun habt ihr es auch! hustet ein Verdächtiger Polizisten an (das sollte sich in Südamerika mal einer erlauben!).
– Supermarktmitarbeiter werden angepöbelt, weil die auf geltende Regeln hinweisen. – Schlägerei um letzte Klopapierrolle.
Nochmal Hand aufs Herz: Welchen Eindruck gewinnt man alleine aus den Schlagzeilen von Deutschland? Ich würde dort jedenfalls keinen Fuß reinsetzen wollen.
Ich möchte das bitte ausdrücklich nicht als die leider modern gewordene Medienschelte im Sinne von Fake News (schrecklich!) verstanden wissen. Medien haben neben ihrem Informationsauftrag ebenso ihre Zielgruppen und müssen ihre Euro reinbringen. Daher sollte man sich doch bitte nicht ausschließlich und unreflektiert auf die Schlagzeilen verlassen.
Schließlich noch eine ganz persönliche Einschätzung zu einer anderen, heutzutage oft zu lesenden Schlagzeile: Es wird nie so sein, wie früher!. Das zielt nicht zuletzt auf die Reisen der Zukunft ab.
Ja, die aktuelle Situation ist trotz Spanischer Grippe (die eigentlich aus den USA kam), Pest und Cholera so noch nicht da gewesen. Ja, aktuell ist das Leben fast aller Menschen nicht mehr so, wie es war. Und ja, viele glauben, dass es nie wieder so werden könne, wie in der guten alten Zeit. Doch ganz ehrlich: Mein Vertrauen in das kollektive Langzeitgedächtnis der Menschheit ist bei weitem nicht so gefestigt, als dass ich diese Ansicht teilen könnte. Irgendwann wird es einen Impfstoff geben, irgendwann wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben, irgendwann verblasst die Erinnerung und so werden die Menschen, die es sich leisten können und wollen sich auch irgendwann (wohl eher früher als später) wieder auf die Kreuzfahrtschiffe, Fernflieger und Urlaubsressorts stürzen. Und diese Nachfrage wird ihr Angebot finden. Auch die jetzt geschlossenen Urlaubsziele werden natürlich wieder öffnen, ironischer Weise macht ja gerade Italien demnächst den Anfang. Tourismus ist ein zu gewaltiger Wirtschaftsfaktor, für manche Länder gar überlebenswichtig, als dass hier nicht alles auf einen Weg zurück zur Normalität weisen würde.
Ja, ich kann natürlich falsch damit liegen. Doch wenn man bedenkt, dass sogar nach den katastrophalen Ereignissen des letzten Jahrhunderts und der damit einhergehenden, intensiven Erinnerungskultur inzwischen Rechtspopulisten weltweit im Aufwind sind, kann ich persönlich ein solch unerschütterliches Vertrauen in die kollektive Rationalität der Menschheit nicht teilen.
So, das war jetzt mal was ganz anderes auf diesem Blog und ich danke jedem, der es bis hierher geschafft hat durchzuhalten. Wie gesagt sind es persönliche Wahrnehmungen, Gedanken und Einschätzungen, die ausdrücklich keinen Anspruch auf vollständige Information, letzte Wahrheit, oder gar umfassende Weisheit erheben. Jedoch helfen sie dem aufgeschlossenen(!) Leser vielleicht ein wenig dabei, eventuell vorhandene Zweifel und Fragen über unser Handeln in dieser Situation besser zu verstehen. In diesem Sinne alles Gute und natürlich Gesundheit!
P.S. Dieser Eintrag wurde per Satellit eingestellt und beinhaltet daher keine Bilder. Auch Kommentare können wir erst wieder lesen, beantworten bzw. auch nur die zur Veröffentlichung notwendige Genehmigung erteilen, wenn mal wieder Internetzugang besteht ( das soll jedoch bitte niemanden vom Schreiben abhalten ;-).