So noch nicht gesehen: Willkommen im Einkaufszentrum

Cartagena, Anfang August 2021

Wer kennt sie nicht, die mehr oder weniger auffälligen Verbotsschilder an Geschäften (z.B. ein bei Kindern unbeliebtes „kein Eis“), Banken (z.B. ein in der heutigen Maskenzeit fast schon komisch wirkendes „kein Motorradhelm“) oder auch gleich am Haupteingang eines Einkaufszentrums (z.B. ein Hinweis auf die Selbstverständlichkeit „keine Zigaretten“)?!

Hier in Kolumbien werden die Prioritäten offensichtlich etwas anders, dafür aber ausgesprochen deutlich gesetzt. Nicht nur der große Hund hat Ausstrahlung, auch ein explizites Verbot von Schusswaffen im Einkaufszentrum haben wir vorher so noch nicht gesehen…

Zum Glück haben wir die AK-47 an Bord vergessen ;-)

Cartagena (1) – Willkommen im Club Nautico

Kolumbien, 9. – 15. August 2021

Normalerweise haben wir ja kein Problem damit, unsere Samai selbst sicher zur Ruhe zu bringen. Sei es vor Anker (trivial), mit Landleinen (eingeübt) oder in den verschiedensten Hafenvariationen (mal so, mal so). Das ist im Grunde auch keiner besonderen Erwähnung wert. Hier in Cartagena stellt sich das jedoch etwas anders dar. Ein kurzer Spaziergang mit dem sehr netten Hafenmanager John zeigt mir unseren Liegeplatz der nächsten Tage (bzw. Wochen). Ich solle mit dem Bug zum Steg kommen. Das sei bei der vorherrschenden Windrichtung der immer mal wieder zu erwartenden „Hühnerflügeln“ (bzw. „-hintern“ mit ihren locker über 40kn Wind) sicherer.

Und am Heck? Bei den anderen Booten gehen da schlicht Leinen ins Wasser. Ja, das machen sie hier so. Ich solle zwei längere Leinen am Heck vorbereiten, um diese beim Anlegen dem auf uns wartenden Taucher zu geben. So soll es sein.

Die Leinen sind vorbereitet. Unsere zwei dicken Lieblingsfender Charly & Charleen schützen die in der Lücke windabgewandte Lee-Seite. Die zwei Boote, zwischen die wir uns legen, verzichten ihrerseits auf solche Abstandshalter. Wir holen den Anker hoch. Über UKW-Kanal 69 wird bestätigt, dass man auf uns warte. Los geht’s!

Letztlich ist das ganze Manöver zwar ungewohnt, aber entspannt. Wir fahren in die knapp bemessene Lücke und lehnen uns wie geplant an den windabgewandten Nachbarn. La Skipper und Samuel sichern die Flanken, haben dabei aber wenig zu tun. Maila wirft am Bug unsere kurzen Leinen über. Am Heck lächelt mir aus dem Wasser ein Gesicht mit Schnorchelmaske zu. Der Motor ist zwar schon im Leerlauf, doch jetzt mache ich ihn lieber mal ganz aus. Ich werfe ihm die erste lange Leine zu, mit der er im trüben Wasser verschwindet. Da unten knotet er sie irgendwo fest und wir holen sie dicht. Das gleiche Spiel mit der zweiten Leine. Dann müssen wir unser Ruder nur noch an der Leine des Nachbarbootes vorbeibringen. Fender ausrichten. Fertig. Kurzer Blick auf die Uhr. It’s five o’clock somewhere. Prost.

Ja bitte!
Nein danke!!!

Uns gegenüber werden sie als „Chicken Wings“ vorgestellt. In der wörtlichen Übersetzung geht es aber wohl eher um das weiter hinten gelegene Ende des Geflügels. Dieses lokale Wetterphänomen geht hier zu der nun nach kurzer Pause wieder verstärkt einsetzenden Regenzeit regelmäßig durch. Nach nur wenigen Tagen im Hafen wissen wir, was das bedeutet. Von (für uns) vorne links kommt eine dunkle Front, weht mit 6 oder mehr Beaufort durch, regnet sich ab und nicht viel später blinken Sonne und Wölkchen, als ob nie etwas gewesen wäre. Wir liegen hier zwar schaukelig, aber sicher. Zumindest deutlich entspannter, als dicht gedrängt vor Anker. Das beruhigt gerade auch im Hinblick auf unsere geplante kleine Rundreise.

Ansonsten erledigen wir in den ersten Tagen die wichtigsten Einkäufe. Nicht nur die ersehnte Abwechslung auf dem Speiseplan, auch sonst bekommen wir hier eigentlich alles von der im Laufe der letzten Wochen gewachsenen Liste. Der Skipper gönnt sich als vorgezogenes Geburtstagsgeschenk sogar ein neues Handy (Vielen Dank nach Kladow!!!). Wohlgemerkt geht es hier um die „nicht-auf-das-Boot-bezogene“ Liste. Letztere könnte sich erneut als problematisch erweisen, da in diesem Zusammenhang immer wieder das Wort „Import“ fällt. Wir Segler sind in Europa (sowie natürlich auch in Nordamerika) echt verwöhnt. Mal schnell in einen gut sortierten Bootsausrüster geschlendert? Vergiss es… hier nicht!

Es kann losgehen…
Kaktus im Gemüsefach…
Dahingerafft?! ;-)

Nach einer Woche in Cartagena sind wir immer noch nicht komplett eingereist. Der temporäre Bootsimport ist schon durch, aber das wieder einmal fällige Cruising Permit fehlt noch. Nur gut, dass sich darum der Agent kümmert, bzw. kümmern muss. Wir nutzen die Zeit neben den Einkäufen für die Aktualisierung des Blogs, einer Beschäftigungstherapie für die Hafen-Wäscherei, Reinigung des Bootes, Aufräumen des Werkraums (aka „Weinkammer“ ;-) und natürlich auch Sightseeing. Doch davon ein anderes Mal mehr…

Welches Kabel gehört hier jetzt zusammen?!?
Da kommen wir später nochmal hin!

Blitzschlag!

Ja, ich habe an dieser Stelle schon mehr als einmal über beeindruckendes Wetterleuchten sowie Blitze in tropischer Regenzeit berichtet. Aber in dieser Nacht hat der nordische Gewitter- und Donnergott Thor mal so richtig die Muskeln spielen lassen. Obwohl… so sehr eigentlich auch wieder nicht. Wir hatten schon ganz andere Nächte. Mehr Blitze. Mehr Donner. Aber da waren wir nur Zuschauer. Heute sind wir Hauptdarsteller.

Wie schon so oft in den letzten Wochen, ja fast schon Monaten, begleitet uns Wetterleuchten durch die Nacht. Doch dabei bleibt es leider nicht. Gegen Mitternacht wird es heftiger. Nicht nur die Wolken leuchten. Immer wieder sehen wir Entladungen bis ins Wasser. Schließlich zieht eine der Zellen über uns. Ein Ausweichen ist nicht möglich. Trotzdem fahren wir optimistisch in die nun noch etwas dunklere Nacht. Bisher sind wir immer problemlos davon gekommen. Doch immer häufiger flackert die Umgebung sekundenlang auf. Ehrfürchtig erlebe ich im Cockpit das Schauspiel.

Plötzlich ist es gleißend hell. Reflexartig schließe ich die Augen. Zeitgleich zerreißt es die Luft und fast auch meine Ohren. Ich zucke erschrocken zusammen. Ein leicht verbranntes, so noch nie gerochenes Aroma steigt mir in die Nase. Dieser Blitz ist dichter als nah, die Mastspitze keine 20m über mir. Volltreffer! Blitzschlag!!!

Ich stürze zum Steuerrad. Das leichtgängige Ruder bestätigt, dass sich der Autopilot verabschiedet hat. Unter Deck stürzt La Skipper aus dem Bett und fragt, ob alles in Ordnung sei. „Ja, alles gut bei mir.“ – „Die Batterieanzeige ist schwarz.“ – „Mach die Hauptsicherungen aus!“ – „Die drei roten Schalter?“ – „Ja!“ Mit einer gewissen Erleichterung sehe ich, wie unter Deck kurz Licht angeht. Ok, kein Totalausfall. La Skipper findet die Sicherungen. Das Schiff hüllt sich in Dunkelheit. Um uns herum flackert es weiter im Sekundentakt. Es hilft nichts. Weiter geradeaus!

Nach einer Weile, inzwischen hat es sich etwas beruhigt, schalten wir die Hauptsicherung wieder an. Der Plotter läuft. Das ist gut. Er zeigt keinerlei Daten von anderen Instrumenten. Das ist schlecht. Ein Blick in die Bilge. Trocken. Gut. Die Kinder schlafen seelenruhig im Vorschiff. Unglaublich, aber wahr.

La Skipper sitzt inzwischen bei mir oben im Cockpit. Durchatmen. Situation realisieren. Wortlos schauen wir uns an. Es hat uns tatsächlich erwischt. Die Minuten vergehen. An Schlaf ist momentan ohnehin nicht zu denken. Was nun? Wie geht es unserer Samai? Was bedeutet das für die Zukunft? Zumindest wird uns damit eine eigentlich schon getroffene, dann aber wieder lange gewälzte Entscheidung endgültig abgenommen. In dieser Situation ist an einen langen Schlag bis zu den ABC-Inseln auch nicht nur ansatzweise zu denken. Thor hat eine klare Meinung. Wir laufen als Nothafen Cartagena an. Kolumbien, wir kommen!

Puerto Perme – Abschied aus Panama

4. – 6. August 2021

Ob wir nun offiziell dürfen oder nicht, ist uns egal. Wir fahren einmal quer über die große Bucht. Doch wo ist die versprochene kleine Bucht? Es sieht aus, als ob wir auf eine gerade Küste zufahren. Wir hangeln uns am empfohlenen Breitengrad 8°44‘N entlang. Hier soll es frei von Untiefen und Gefahrenstellen sein. Dann sehen wir doch noch die kleine Bucht sich steuerbord voraus öffnen. Doch wir sind nicht alleine. Nein… keine Segler… nicht hier und jetzt. Doch ziemlich genau am angepeilten Ankerplatz liegen zwei blaue Schiffe im Päckchen. Wir fahren vorbei und tasten uns vorsichtig voran. Doch es wird flach. Der hintere Teil der Bucht ist wohl nicht im Guten erreichbar. Kurzerhand fällt der Anker nahe der Einfahrt an den ohnehin empfohlenen Koordinaten.

Da hinten ist es flach…
… dadurch ist die Bucht noch kleiner als sie scheint…
… insbesondere bei Lieferantenverkehr ;-)

Die zwei blauem Boote dienen offensichtlich der Versorgung. Kuna-Kanus fahren sie an und holen ihre Bestellungen ab. Einer der Besucher scheint den lokalen „Supermarkt“ zu betreiben. Sein Kanu ächzt unter der eingeladenen Last. Auch wir versuchen unser Glück, doch unser Begehr stößt auf taube Ohren. Frisches Gemüse, Hühnchen, nicht einmal Bier haben sie dabei. Hätten wir lieber doch mal bei den vor ein paar Tagen vorbeikommenden Kolumbianern gekauft. Deren Paprika sahen richtig gut aus. Merke: Siehst Du ein gutes Angebot, dann schlage zu!

Wir warten auf eine passende Wettervorhersage für den weiteren Weg nach Nordost. Nein, so richtig schönen Segelwind erwarten wir nicht. Dafür ist die große Bucht vor der kolumbianischen Westkaribikküste zu windarm. Aber Gegenwind muss es ja auch nicht unbedingt sein. Samuel macht Schule, wir spielen viel und genießen zwei ruhige Tage und Nächte.

Einen Wermutstropfen bringt der Anblick zweier recht junger Kuna-Mädels. In ihrem Kanu fahren sie nicht weit entfernt vorbei. Sie halten leere Büchsen in das Wasser, waschen sie aus und lassen sie dann auf den kleinen Wellen treiben. Eine nach der anderen. Zum Abschluss kommt auch noch die Plastiktüte hinterher. Der Zeitpunkt ist gut abgepasst. Die Strömung treibt ihren Müll aus der Bucht hinaus. Aus den Augen, aus dem Sinn. Wenn schon die Kinder angeblich naturverbundener, indigener Völker eine solche Entsorgung als Standard lernen, was sollen wir vom Rest der Menschheit erwarten? Wir könnten Heulen.

Der Mülleimer ist leer…
… die Strömung treibt es aus den Augen, aus dem Sinn! :-(

Dann ist es soweit. Die Pässe sind gestempelt, die Vorhersage passt, der Anker geht auf und wir sagen „Adiós Panama“. Es war abwechslungsreich und schön. Der Kanal ein (ungeplantes) Erlebnis. San Blas / Guna Yala ist trotz aller vielleicht übermäßig benannter Kleinigkeiten definitiv einen Besuch wert. Doch wir wollen (und müssen) weiter. Kurs Nordost. Auf zu neuen Ufern.

Obaldia – Keine Reise wert!

3./4. August 2021

Der Revierführer beschreibt Obaldia nicht gerade blumig. Die Bucht ist weit offen und oft unruhig. Die Grenzstadt „a bit rough but friendly“. Die Polizei trägt AK-47. Dafür gibt es angeblich die besten Einkaufsmöglichkeiten in San Blas / Guna Yala. Soweit die Theorie.

Obaldia

Zugegebenermaßen bestätigt sich vieles davon. Manches wird sogar „übererfüllt“. Die Bucht ist tatsächlich weit offen, bei der aktuellen Wetterlage aber soweit erträglich. Die Regenzeit ist in dieser Hinsicht ohnehin ruhiger. Glück gehabt.

Anlandungsstelle

Schon vom Ankerplatz aus sehen wir teils gut bewaffneten Flecktarn am Steg. Sieht eher nach Militär aus. Als ich am Strand anlande, kommt auch gleich das bewaffnete Begrüßungskomitee. Die erste Frage gilt einem aktuellen Test. Guter Witz. Wir sind seit Puerto Lindo gut fünf Wochen mit dem Boot durch Guna Yala unterwegs. Dann müsse ich gleich mal zu „Salud“. Also theoretisch. Irgendwann verläuft sich das Thema einfach.

Der Besuch bleibt uns erspart

Ein Kollege von der Grenzpolizei kommt, prüft und fotografiert Pässe sowie unser Cruising Permit. Dann schickt er mich weiter zu Immigration und „Autoridad Marítima“. Ich interpretiere das als Erlaubnis zu uneingeschränktem Landgang.

Vom Militär zum Strand
Vom Strand Richtung Ort
Gleich bin ich im Zentrum…

Nachdem die Formalitäten bei der Immigration erledigt sind, präsentiert die „maritime Autorität“ leere Büros hinter geschlossenen Türen. Nun gut, dann gehe ich erst einmal einkaufen. Soll hier ja gut gehen. Also theoretisch. Ich finde einen kleinen, mäßig sortierten Laden. Cola für die Kinder. Ok! Bier? Nein! Da müsse ich die Straße runter und dann links zu einem größeren Haus. Ich schlendere durch den Ort und sauge die Atmosphäre von Dreck und Verfall in mich auf. Nicht freiwillig. Sie ist einfach allgegenwärtig.

Immigration und Copy-Shop
Blick von der benachbarten Autoridad Maritíma
Haupteinkaufsstraße
Leider wenig einladend…

Irgendwann finde ich einen kleinen Bäcker. Die Auslage sieht echt gut aus und lädt ein, das anstehende Brotbacken an Bord zu verschieben. Von hier werde ich zu einem am Rand des Sportplatzes sitzenden Mann geschickt. Er verkaufe Bier. Dort angekommen heißt es warten. Ein hinzukommender Freund trägt die gewagte Trikot-Mischung „oben Arsenal – unten Lazio“. Aber sein kleines Mädchen ist echt süß. Überhaupt ist das hier anscheinend ein abendlicher Treffpunkt vor allem der jüngeren Bewohner.

Allgemeiner Treffpunkt am zentralen Sportplatz

Es dauert noch ein bisschen, bis die bessere Hälfte des Mannes gelangweilt mit dem Schlüssel zu seiner Bar kommt. Erst versorgt sie die schon wartenden, starken Männer in der offenen Hütte nebenan. Dann bekomme ich meine eisgekühlte Gerstenkaltschale. Light-Bier. Mjam! ;-)

Eine zum Glück nur mäßig schaukelnde Nacht später setze ich wieder über. Die Formalitäten bei der Autoridad Marítima sind halbwegs schnell und günstig erledigt. Noch etwas Brot gekauft und zurück zur Samai. Doch vorher muss ich mich nochmal bei Militär und Grenzpolizei melden. Ich gebe die entsprechenden Papiere ab und warte. Und warte. Dann wird mir gesagt, dass man noch eine Bootsinspektion vornehmen werde. Im Grunde kommt das nicht überraschend. Wir hatten schon bei unserer Ankunft damit gerechnet. Was dann aber folgt ist keine Inspektion, sondern Sightseeing zweier neugieriger „Autoritäten“.

Militärsteg… für mich gilt „Betreten verboten!“

Es fängt schon damit an, dass wir sie mit unserem Dinghy hin und her chauffieren dürfen. An Bord angekommen, stellen sie pflichtbewusst reichlich sinnlose Fragen. Ja, das da unter dem Cockpit-Tisch ist tatsächlich ein Grill und die große Tüte hinter dem Steuerrad enthält unseren Müll der letzten Wochen. Zum Abschluss gibt der Militärposten auf unserem Vorschiff dem Grenzpolizisten sein Handy und posiert mit „Daumen hoch“ für ein Foto. Na das nenne ich mal eine ausgesprochen professionelle Inspektion!

Die Profi-Inspektoren lassen sich zurückfahren… nicht ohne Selfie!

Jetzt aber endlich weg. Wir wollen noch auf besseres Wetter warten. Doch nicht hier! Vor Obaldia hält uns nichts mehr. Auf einem schaukelnden Warteplatz in Sichtweite des Militärs müssen wir uns wirklich nicht präsentieren. So fahren wir also doch noch eine allerletzte, kurze Etappe in Panama in eine kleine, gut geschützte Bucht. Keine Ahnung, ob wir das offiziell dürfen. Ich bin leider so blöd, diesen Plan gegenüber Immigration und Grenzpolizei zu erwähnen. Erstere scheint wenig begeistert. Doch irgendwie kann (oder will?!) ich die nette Dame nicht verstehen. Der Grenzpolizist verweist mehrfach auf eine nahe Bucht in Kolumbien. Das sei aber nur eine Empfehlung. Ich nehme diese letzten Worte als Freibrief für unsere Planung… Anker auf!

Da hinten liegt unser letztes Ziel in Panama!